Entwicklungen im Internet Governance-Umfeld im Januar 2026

Entwicklungen im Internet Governance-Umfeld im Januar 2026

Weltwirtschaftsforum: KI-Status und die Industrialisierung von Cybercrime

Cybersicherheit und KI standen beim Weltwirtschaftsforum in Davos vom 19. – 22. Januar 2026 neben den globalpolitischen Themen im Vordergrund[1]. Der israelische Philosoph Yuval Noah Harari, diskutierte die Frage, ob KI-Agenten den Status einer juristischen Person erhalten sollten, um Verantwortlichkeiten zu klären[2]. In einem Panel zu „KI-Botschaften“ wurde die Option diskutiert, KI-Datenzentren in Länder auszulagern, die über ausreichend Energie und Wasser verfügen. Diese Zentren könnten einen einer diplomatischen Mission vergleichbaren exterritorialen Status erhalten, um Datensicherheit zu gewährleisten.[3] Cybercrime hat sich, so ein Panel u.a. mit Interpol, zu einer „Industrie“ entwickelt mit tausenden von „Beschäftigten“, häufig aus Afrika, die nicht nur Geld stehlen, sondern weltweit Menschen- Drogen- und Waffenhandel organisieren. Der erwartete Schaden für 2028 liege bei 360 Milliarden US$.[4] KI habe zu einem Boom von neuartigen Cyberangriffen geführt mit einem Wachstum von 1400% binnen fünf Jahren mit Konsequenzen für die nationale Sicherheit ganzer Länder.[5]

ITU CWG-Internet: WSIS+20-Gap-Analyse und Stakeholder-Zugang

Bei der Tagung der ITU Council Group Internet (CWG-Internet) am 29. Januar 2026 in Genf wurden u.a. die Konsequenzen aus dem WSIS+20 Outcome Document (Dezember 2025) für die ITU diskutiert. Ein Problem ist, dass die CWG-Internet Tagungen nicht offen sind für nicht-staatliche Stakeholder. Es wurde vereinbart „to prepare a gap analysis for Council on the impact of WSIS+20 for ITU´s ongoing work and mandates“. Vorschläge von Saudi-Arabien und Marokko für Themen der informellen CWG-Internet Konsultationen sowie von Russland für eine CWG-Internet Roadmap[6] wurden zur Kenntnis genommen und an die im November 2026 in Quatar stattfindende ITU-Vollversammlung weitergeleitet.[7]

Geopolitik: US-Rückzug aus UN-Digitalgremien und Multistakeholder-Foren

Am 7. Januar 2026 verkündete die US-Regierung den Austritt aus 66 internationalen Organisationen die „konträr zu den Interessen der USA“ stehen[8]. Darunter fallen auch die für das Internet relevanten UN-Institutionen UNDESA, UNCSTD und ECOSOC, sowie Multistakeholder Organisatonen wie das Global Forum on Cyberexpertise (GFCE) und die Freedom Online Coalition (FOC). Das 2015 gegründete GFCE hat über 250 Mitglieder und ist ein anerkanntes Zentrum für Cyber-Kapazitätsentwicklung, insbesondere im globalen Süden.[9]. Die 2011 von der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton und der holländischen Regierung initiierte FOC[10] mit 42 Mitgliedsstaaten und einem Multistakeholder Advisory Board hat sich insbesondere um das Thema Menschenrechte im Cyberspace verdient gemacht. Am 1. Januar 2026 ging die FOC-Chairmanship von Estland auf die Schweiz über.

Europäische Union: DMA-Konsultationen und Konnektivitäts-Barometer

Am 6. Januar 2026 veröffentlichte die EU-Kommission das Ergebnis ihrer Konsultationen zum Digital Market Act (DMA)[11]. 450 Kommentare zeugten von breiter Unterstützung. Gefordert wurden mehr Interoperabilität, Datenzugang und Datenübertragbarkeit sowie Unterstützung für KMU. Der Anwendungsbereich des DMA sollte mit Blick auf KI und Cloud-Dienste erweitert werden. Gatekeeper hingegen äußerten Kritik and Bürokratie und Verhältnismäßigkeit. Am 20. Januar 2026 veröffentlichte die EU-Kommission ihr jährliches EU-Barometer zur digitalen Konnektivität[12]. Demnach haben jetzt fast alle Europäer (97 %) Zugang zu einem Mobiltelefon. Der Zugang zu einem Festnetztelefon ist auf 41 % gesunken. 85% der Haushalte haben Internetzugang. 40% verfügen zu Hause über eine Gigabit-Verbindung. Jedoch sind nur 29% der Befragten mit ihrer aktuellen Verbindung zufrieden.

Digitale Souveränität: EU-Indien-Gipfel und Strategien zum „De-Risking“

Beim EI-Indien Gipfel am 27. Januar 2026 wurde neben dem Handelsabkommen auch ein Kooperationsprogramm für digitale Zusammenarbeit, KI und Cybersicherheit vereinbart.[13] EU-Digitalkommissarin Virkkunen warnte auf einer Politico-Konferenz am 28. Januar 2026 in Brüssel davor das „digital dependencies, can be weaponized against us“. Sie forderte mehr europäische digitale Souverenität (buy European) und plädierte für ein „de-risking“ auch in den transatlantischen Beziehungen.[14]

IGF: Bericht des Leadership Panels und permanenter UN-Status

Am 6. Januar 2026 veröffentliche des IGF-Leadership Panel seinen Abschlussbericht[15]. Das 2022 unter der Leitung von Vint Cerf und Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa gegründete Gremium zog eine positive Bilanz, die sich auch darin zeigt, dass die WSIS+20 Konferenz (Dezember 2025) dem IGF einem permanenten Status innerhalb der UN als einer Multistakeholder Plattform gegeben hat. Der Bericht enthält elf Empfehlungen, darunter die Schaffung eines „Executive Track for Decision Makers“ innerhalb des jährlichen IGFs und eine engere Koordination mit dem Global Digital Compact (GDC) und der UN Group on the Information Society (UNGIS).

Sicherheitspolitik: NATO-Fokus auf autonome Systeme und Drohnenabwehr

Vom 28. – 30. Januar 2026 veranstaltete die NATO in Brüssel eine „Counter-Uncrewed Autonomous Systems (C-UAS)“ Woche, bei der es um die Rolle von Start-Ups bei der Produktion von Internet basierten autonomen Waffensystemen ging. NATO Generalsekretär Rutte sagte dazu: „We see drones used in Ukraine, of course, every day as weapons of war. And therefore, for better or worse, drones are here to stay. Growing in quantity, growing in quality. … So yes, that means we have to develop and procure advanced air-defence systems – also to effectively basically detect, track and destroy the drones. And at the same time, we need to produce, and at scale, we need to produce a lot more drones ourselves, and also a lot faster“[16].


[1] https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2026/

[2] https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/sessions/an-honest-conversation-on-ai-and-humanity-ca19ea8c96/

[3] https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/sessions/digital-embassies-for-sovereign-ai/

[4] https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/sessions/cybercrime-has-real-victims/

[5] https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/sessions/hard-realities-of-cyber-threats/

[6] https://www.itu.int/md/S26-RCLINTPOL23-C-0003/en

[7] https://www.itu.int/md/S26-RCLINTPOL23-C-0007/en

[8] https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2026/01/withdrawing-the-united-states-from-international-organizations-conventions-and-treaties-that-are-contrary-to-the-interests-of-the-united-states/

[9] https://thegfce.org/

[10] https://freedomonlinecoalition.com/

[11] https://digital-markets-act.ec.europa.eu/commission-publishes-summary-and-responses-consultation-ongoing-review-digital-markets-act-2026-01-08_en

[12] https://europa.eu/eurobarometer/surveys/detail/3175

[13] https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/statement_26_224

[14] https://www.politico.eu/event/back-in-the-game-europes-race-for-digital-leadership/

[15] https://intgovforum.org/en/filedepot_download/263/30225

[16] https://www.nato.int/en/news-and-events/events/transcripts/2026/01/28/speech-by-nato-secretary-general-mark-rutte-at-the-industry-day

Wolfgang Kleinwächter

Professor Emeritus of Internet Policy & Regulation at Aarhus University